Anja Kruse über den Sport-Wahn„Die Fitness-Manie ist der Schönheit nicht zuträglich“

Copyright: Martina Goyert
Im Theater und im Kino findet sie momentan bessere Rollen für sich: Langweilige TV-Rollen will Anja Kruse nicht annehmen. „Wenn ich mich langweile, bin ich schlecht“, sagt sie.
Köln – Im goldenen Zeitalter der deutschen TV-Serien war sie die Königin der Herzen: Anja Kruse (63) war die „schöne Wilhelmine“, liebte, litt und starb in der „Schwarzwaldklinik“, räumte im „Forsthaus Falkenau“ auf, betreute die „Klinik unter Palmen“ , vergällte Hansi Hinterseer in „Da wo die Liebe wohnt“ das Leben.
Jetzt steht sie im Kölner Theater am Dom auf der Bühne und wird im Film über Edith Stein (wurde in Auschwitz ermordet) gefeiert. Viele Gründe für ein Treffen mit uns.

Copyright: Martina Goyert
Anja Kruse im Gespräch mit Reporter Horst Stellmacher.
Wenn Sie zurück blicken – auf welche Arbeit sind Sie besonders stolz?Anja Kruse: Für mich ist „Die schöne Wilhelmine“ das größte berufliche Geschenk. So was gibt es im Leben einer Schauspielerin meist nur ein Mal, nur dann, wenn sie ganz großes Glück hat. Ich bin stolz, dass ich dafür sogar die „Goldene Kamera“ erhalten habe. Stolz bin ich aber auch auf meine Arbeit in der „Schwarzwaldklinik“…
…in der Sie das Kindermädchen bei Prof. Brinkmann waren, Sascha Hehn liebten und dann vor der Kamera sterben mussten……Ja, es war sehr traurig. Das, was ich mir vorgenommen hatte, hat funktioniert: Ohne jemals kitschig zu sein, trotzdem die Herzen der Zuschauer berühren. Etwas, das ich am Theater gelernt habe.
Sie spielen in Köln im Stück „Kennst du mich noch?“ eine Ehefrau, die sich fürs Bett einen Phantom-Liebhaber ausdenkt, als Ersatz für ihren Mann. Das findet mit einigen eindeutigen Szenen und Dialogen statt. Probleme damit?Warum sollte ich? Es ist ein Stück, das die Zuschauer auffordert, die eigenen Träume zuzulassen, ohne dass sie sich schämen müssen, wenn sie sich im Bett bei der Liebe jemand anderes vorstellen. Wir wollen ja nicht in den 50er Jahren steckenbleiben. Die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt – damit auch das Theater. Und gegen manche Autoren und Stücke an Staats- und Experimentiertheatern sind wir kindergartentauglich.
Auf der Bühne ist Sascha Wussow, mit dem Sie in der „Schwarzwaldklinik“ drehten, Ihr Phantom-Liebhaber. Ist es gut, wenn man die Leute kennt, mit denen man spielt?Für die Arbeit ist es egal. Es macht sie nicht schwieriger und nicht leichter. Aber es macht mehr Spaß. Es ist ja auch Lebenszeit, die wir miteinander in einer fremden Stadt verbringen.

Copyright: Grönert
Im Stück „Kennst Du mich noch?“ geht es zwischen Anja Kruse und Sascha Wussow heiß her.
Sie waren lange eine der meistbeschäftigten Frauen im deutschen TV, jetzt sind Sie seltener zu sehen. Woran liegt’s?Ich bin in einem Zwischenalter, in dem es für Frauen schwierig ist, gute Rollen zu bekommen. Im Gegensatz zu Amerika gibt es bei uns nicht genügend Drehbuchautoren, die für die Altersklasse 50+ schreiben. Was mir angeboten wurde, war teilweise so langweilig, dass ich mich entschieden habe, wieder auf die Bühne zu gehen. Ich darf mich bei der Arbeit nicht langweilen, dann bin ich schlecht.
Ist für Sie Alter ein Problem?War es noch nie. Wenn ich älter werde, gewinne ich an Erfahrungen, an Erlebtem, das ist hilfreich. Mir ist der Horizont, den ich heute habe, viel lieber als der vor 30 Jahren. Ich sehe zu, dass ich optisch in Form bleibe, beruflich mitschwimmen kann. Ich werde nicht hysterisch, wenn ich neue graue Haare oder eine weitere Falte entdecke.
Im letzten Jahr ist Ihr Kochbuch „Voll im Leben“ erschienen – ein Diät-Ratgeber?Nein, es geht nicht um Diät. Der Gedanke ist: Selber kochen, die besten Zutaten nehmen, nichts totkochen und Sachen nicht mit fetten Saucen zukleistern. Und wenn’s geht: Brot selber backen – man weiß nie, was in Brotback-Fabriken alles verwendet wird.
Woher kommt Ihr Interesse an dieser Lebensweise?Ich beschäftige mich seit Jahren mit gesunder Ernährung, vor allem mit der Art, die mir genügend Energie für meinen stressigen Job verschafft. Ich möchte keine Kalorien zählen, aber trotzdem fit bleiben. Ich möchte das nicht übertreiben. Ich hatte eine Phase, in der ich Fitness-Maniac war, was der Schönheit nicht zuträglich war. Ich sah schnell ausgepowert und abgekämpft aus.
Sie stammen aus Essen. Schlägt Ihr Herz noch für den Pott?Aber ja. Sobald ich meinen Fuß in die Stadt setze, merkt man das an meiner Sprache. Obwohl ich durch die Welt gefegt bin, ist ein Teil meines Herzens dort geblieben.
Ruhrpottler erkennt man meist an Ihrer Liebe zum Fußball. RW Essen, Schalke, BVB – für welchen Verein schlägt Ihr Herz?Meine Liebe zum Fußball ist mit 16 erloschen. Damals nahm mich mein damaliger Freund mit zum RWE-Spiel. Wir standen in der Ost-Kurve, plötzlich brannte hinter mir eine Fahne. Das war das Ende meiner Fußball-Begeisterung. Ich bin eh kein Freund der Massenveranstaltungen. Die einzige Ausnahme: Konzerte mit Herbert Grönemeyer. Den hab ich zuletzt wieder auf Schalke erlebt. Ich stand mittendrin und habe eine Kerze geschwenkt. Für mich war es eine Kerze für den Frieden und die Menschheit.
Darum geht es auch in Ihrem aktuellen, internationalen Film „A Rose in Winter“……auf den ich sehr stolz bin. Ich habe ihn bei der UN in Genf vorgestellt, über ihn im EU-Parlament gesprochen. Es geht um Edith Stein, die deutsche Philosophin und Frauenrechtlerin jüdischer Herkunft, die in Polen geboren, als Nonne in den Karmeliterorden eintrat und 1942 in der Gaskammer von Auschwitz-Birkenau ermordet wurde. Ich spiele ihre einzig überlebende Schwester, die in Rückblenden ihre Geschichte erzählt. Der Film hat bei vielen Festivals Preise abgeräumt. Es ist ein Film, der nach diesen schrecklichen Ereignissen von Halle aktueller denn je ist.
Botschafterin für Trachten

Copyright: picture alliance / dpa
Anja Kruse (r.), hier mit Christine Neubauer beim Oktoberfest, ist „Botschafterin der Tracht“ in Österreich.
Anja Kruse (geboren am 5. August 1956 in Essen) hatte ihre ersten Engagements in Münster, wechselte dann zum Thalia-Theater in Hamburg, nach Oldenburg und Berlin. 1981 dann ihr erster Kinofilm: „Die weiße Rose“. 1984 folgte der TV-Vierteiler „Die schöne Wilhelmine“, dann diverse Hauptrollen in Filmen und Serien, zuletzt 2018 in „Um Himmels Willen“.
Bis 1989 führte sie eine Beziehung mit Operettenbuffo Heinz Hellberg (75). Von 1995 bis 2008 war sie verheiratet mit dem französischen Regisseur Jean-Louis Daniel. 2004 bis 2010 war sie mit dem österreichischen TV-Produzenten Norbert Blecha (69) liiert.
Seit 2006 ist sie „Botschafterin der Tracht“ in Österreich. Sie lebt nahe Cannes und in Salzburg.