Infrastruktur, bezahlbares Wohnen und Vermögensumverteilung: Statt auf Migration setzte die Linke auf Themen wie diese - mit Erfolg. Mit rund 8,8 Prozent aller Stimmen zählt die Partei zu den Gewinnern der Bundestagswahl - und hat jetzt den „Joker in der Hand“, wie bei Markus Lanz im ZDF klar wurde...
In ZDF-TalkMarkus Lanz gerät mit Bodo Ramelow aneinander „Ich habe Ihnen nichts getan!“
Es war das „größte Comeback seit Lazarus“, beschrieb Markus Lanz das Wahlergebnis der Linken: Die Partei rund um „Silberlocke“ Bodo Ramelow legte bei der Bundestagswahl rund 3,9 Prozentpunkte zu.
„Sie hat sich nicht in den Überbietungswettbewerb hineinbegeben: Wer schiebt härter ab, wer hält stärker fern, wer baut die größten Abschiebegefängnisse?“, fasste „taz“-Journalistin Anna Lehmann am Mittwochabend (26. Februar 2025) bei Markus Lanz „den Schlüssel zum Erfolg“ zusammen: „Sie hat auf Themen gesetzt, die die Leute auch interessieren: mehr Geld für die Infrastruktur, Umverteilung, bezahlbares Wohnen, bezahlbare Mieten, bezahlbares Leben – damit hat sie reüssiert.“
Bodo Ramelow blafft Lanz an: „Sie wollen mich vorführen“
„Die Linke hat das große Glück, dass der Zeitgeist gerade in ihre Richtung gewählt worden ist“, hatte Wolfgang Kubicki von der FDP eine andere Erklärung parat. Die Wahl von US-Präsident Trump habe für einen latenten Anti-Amerikanismus und ein Abwenden von Oligarchen gesorgt.
„Falls Sie zur Kenntnis nehmen: Ich bin hier“, unterbrach Bodo Ramelow die Analysen der beiden, „Sie fangen an, über meinen Kopf über die Linke zu reden. Aber nicht mit mir“, empörte er sich und fühlte sich von Markus Lanz sichtlich übergangen. Der wiederum verstand die Welt nicht mehr („Nicht sauer sein auf mich, ich habe Ihnen nichts getan!“), musste aber nach mehrfachen Anläufen akzeptieren: „Sie wollen mich heute nicht verstehen.“
Der Moderator sollte recht behalten ...
Durch die Verschiebung der Machtverhältnisse haben sowohl AfD als auch die Linke im neuen Bundestag eine Sperrminorität und können demnach Beschlüsse verhindern. „Es ist mir eine große Ehre, mir klar zu sein, dass eine Zwei-Drittel-Mehrheit nur zustande kommt, wenn man mit uns ins Gespräch kommt“, freute sich Ramelow.
Markus Lanz verblüfft: „Wow, Sie sind richtig getroffen“
Das setzte aber voraus, „dass die CDU über sich nachdenken muss, mit wem sie reden will“, bezog er sich auf den Unvereinbarkeitsbeschluss, den die CDU im Vorfeld zur Bundestagswahl gegenüber der Linken getroffen hatte. „Entweder nimmt man uns als Demokraten ernst“ – dann wäre er zu Gesprächen bereit, aber: „So lange es den Unvereinbarkeitsbeschluss gibt, gibt es keine Gespräche mit der Linken.“
„Das sind rote Linien, die hier aufgezeigt werden“, kommentierte Politikexpertin Kerstin Münstermann von der „Rheinischen Post“. Sie hielt die Entscheidung der CDU ebenfalls für einen Fehler. Einer, der dem Thüringer Politiker sichtlich nahe ging, wie Markus Lanz anmerkte: „Wow, Sie sind richtig getroffen, da kommt ein altes Trauma hoch“, staunte er über Ramelows Vehemenz.
Ob die Linken ohne ein Aufheben des Unvereinbarkeitsbeschlusses dem Sondervermögen – Stichwort äußere Sicherheit – nicht zustimmen würden, wollte Lanz wissen. „Sie wollen keine Antwort, Sie wollen mich vorführen“, warf Ramelow dem Moderator vor. „Sie sitzen nicht in meinem Kopf, da wohne ich noch selbst“, wies Lanz die Unterstellung von sich, „ich wollte etwas anderes wissen, das wissen Sie ganz genau.“
„Das weiß ich nicht, ich sitze ja nicht in Ihrem Kopf“, konterte Ramlow. Fiktive Antworten auf fiktive Fragen zu geben, lehne er ab – ausschließen wolle er aber nichts. Vielmehr plädierte er zum wiederholten Mal für eine Vereinbarung zwischen allen demokratischen Parteien, dass keine mit der AfD zusammenarbeite. „Dann haben Sie den Joker in der Hand“, brachte es FDP-Vize Wolfgang Kubicki auf den Punkt.
Von einer solchen Machtposition kann der FDP-Politiker nur träumen: „Die FDP gleicht der Titanic, die untergeht (...) und an Bord ist niemand mehr übrig“, resümierte Anna Lehmann und stellte die alles entscheidende Frage: „Wer zieht den Karren aus dem Dreck?“
Eine Antwort auf diese Frage konnte auch Wolfgang Kubicki nicht liefern. „Dass ich nicht die Zukunft der Partei bin, das weiß ich selbst“, gestand der 72-Jährige. Er traue sich aber, wie auch Marie-Agnes Strack-Zimmermann, zu, den Übergang zu moderieren. Dass Christian Lindner zurückgetreten sei, könne er aus menschlicher Sicht nachvollziehen: „Am Montag erklären plötzlich alle stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden außer mir, dass sie nicht mehr dabei sind.
Die FDP – ein sinkendes Schiff?
Es erklären alle Leute, von denen ich geglaubt habe, sie prägen die Zukunft dieser Partei, dass sie bedauerlicherweise, weil sie sich beruflich neu orientieren wollen, nicht mehr dabei sind. Was soll eine Partei erwarten, was soll passieren, außer dass Chaos ausbricht?“
Dass er sich vor Lindner stelle, sei nett. „Aber ich finde es maximal verantwortungslos“, sah Lehmann das anders: „Ich finde das spiegelt wider, was die FDP demonstriert hat: Sie ist nicht die Partei der Eigenverantwortung, sondern die Partei des Eigennutzens geworden - und das ist das Problem.“ Die FDP habe einen Kurs in Richtung Klientel-Partei für Reiche eingeschlagen und sei an sich selbst gescheitert.
„Alle drei (Regierungsparteien, Anm. d. Red.) haben verloren“, wollte Kubicki das nicht auf sich sitzen lassen. Die Ampel sei die unbeliebteste Regierung gewesen. „Also hat sich das ganze Theater gelohnt für Sie?“, warf Lehmann ein. Er selbst wäre viel früher aus der Regierung ausgetreten, versuchte sich Kubicki an Erklärungen.
Als er hinzufügte, dass man mit dem D-Day-Papier anders hätte umgehen müssen, hatte Markus Lanz genug: „Herr Kubicki, Entschuldigung: Sie haben versucht, es so aussehen zu lassen, als würden Sie von den anderen rausgeschmissen werden. Sie haben versucht, es den anderen in die Schuhe zu schieben: Wir waren das Opfer. Und - das war der zweitwichtigste Teil der Erzählung - wir machen es für Deutschland.“ Und das, stellte Lanz klar, „hat Ihnen keiner geglaubt“. (tsch)