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Interview

Ex-Eiskunstläuferin packt in Buch aus„Als ich wach wurde, saß er nackt hinter mir in der Badewanne“

Die frühere Eiskunstläuferin Marina Kielmann auf dem Roten Teppich.

Eiskunstläuferin Marina Kielmann am 30. November 2024 bei der 20. Kinderlachen-Gala in der Dortmunder Westfalenhalle.

Marina Kielmann war eine der erfolgreichsten Eiskunstläuferinnen Deutschlands. Sie blickt in ihrem Buch auf ihre Kindheit und Jugend sowie Höhepunkte und Tiefpunkte ihrer Karriere zurück.

von Antje Rehse  (are)

Marina Kielmann war eine der erfolgreichsten Eiskunstläuferinnen Deutschlands. Fünfmal stand sie bei Europameisterschaften auf dem Treppchen, nahm an zwei Olympischen Spielen teil (1988 und 1992). Zudem war sie Vizeweltmeisterin im Rollkunstlauf.

Nun blickt Marina Kielmann in ihrer Kurzbiografie auf ihre Kindheit und Jugend in Dortmund sowie Höhepunkte und Tiefpunkte ihrer Karriere zurück. Zudem berichtet sie erstmals öffentlich von einem Besuch beim Mannschaftsarzt, bei dem sie plötzlich nackt in einer Badewanne aufwachte – und sich bis heute nicht erklären kann, wie sie dort gelandet ist. Warum es ihr wichtig war, nun auch dieses erschreckende Kapitel ihres Lebens zu erzählen, erklärt Kielmann im EXPRESS.de-Interview.

„Hast du mal über K.-o.-Tropfen nachgedacht?“

Sie haben ein Buch über Ihr Leben geschrieben, Frau Kielmann. Wie kam es dazu?

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Marina Kielmann: Es ist eine Kurzbiografie. Es ist noch nicht alles drin, aber es ist mal ein Anfang. Es gab immer mal wieder Anfragen, dass die Leute gesagt haben: Mensch, du hast so viel zu erzählen, schreib doch mal ein Buch. Und dann habe ich immer gedacht, wenn ich ein Buch schreibe, das glaubt mir doch sowieso alles keiner. Entstanden ist es in drei Tagen an der Kieler Förde, in Dortmund hätte ich gar nicht die Ruhe gefunden. Meine Freunde glauben das gar nicht, aber ich bin wirklich morgens nach dem Frühstück los und abends wieder zurück und habe sämtliche Eindrücke, sämtliche Geschichten, die mir so durch den Kopf gegangen sind, in mein Smartphone gesprochen.

Sie haben zwei sehr erfolgreiche Sportkarrieren hingelegt. Als Eiskunstläuferin und als Rollkunstläuferin. Können Sie für den Laien die Unterschiede erläutern? Wie das möglich ist, überhaupt in zwei zwar ähnlichen, aber natürlich doch unterschiedlichen Sportarten solche Erfolge zu feiern?

Marina Kielmann: Das hat sich bei uns früher so ergeben, dass wir hier in Dortmund die Eis-Saison nur von September bis April hatten. Dann wurde abgebaut, dann war das zu teuer, dann hatten wir quasi diese leere Betonfläche zur Verfügung. Früher war Rollschuhlaufen mehr oder weniger ein Volkssport für die Jugendlichen und Teenager. Die sind einfach Rollschuh gelaufen, weil man es überall machen konnte. Und so haben wir die Zeit genutzt in den Sommermonaten und sind auf die Rollschuhe gegangen. Damals waren diese noch viel schwerer als die Schlittschuhe. Wenn man sie abgelegt hat, hat man die leichten Schlittschuhe angezogen. Das war wie ein Befreiungsgefühl. Und man sprang automatisch höher, was natürlich ein Riesenvorteil war.

Haben Sie von den Programmen, die Sie im Sommer gelaufen sind, dann auch Teile für den Winter übernehmen können?

Marina Kielmann: Nahezu eins zu eins, ja. Die Musiken haben komplett gepasst und wenn wir gemerkt haben, es kommt beim Publikum nicht an, es kommt beim Preisgericht nicht an, dann haben wir nochmal kleine Änderungen vorgenommen.

Sind Sie mit dem Eiskunstlauf noch verbunden?

Marina Kielmann: Es ist immer noch ein großer Teil meines Lebens. Ich unterstütze seit zehn Jahren den kleinen Landesverband Rheinland-Pfalz – also klein im Eiskunstlaufen –, mache da sehr viel Aufbauarbeit. Und ich bin nach wie vor Trainerin, bin auch internationale technische Spezialistin, habe also einen Posten in der Jury im neuen Wertungssystem, das 2004 eingeführt wurde.

In dem Buch finden sich viele schöne Erinnerungen an Ihre Karriere, an die Kindheit, an die Jugend, aber auch ein paar alles andere als schöne Erinnerungen. Da gibt es eine erschreckende Geschichte, wie Sie bei einem Arztbesuch nackt in der Badewanne aufgewacht sind. Was ist da passiert?

Marina Kielmann: Ich habe das Thema Enttäuschung mit reingenommen, menschliche Enttäuschung, denn ich wollte nicht so ein „Happy Smile“-Buch machen. Das Leben ist nicht immer schön. 1996, das war lange nach meiner Karriere, war ich bei unserem ehemaligen Mannschaftsarzt, denn der fuhr nach Amerika zu den Weltmeisterschaften und fragte, ob er irgendwas mitbringen soll. Damals kriegte man ja hier noch nicht alles. Heute kriegt man flavoured coffee, Karamellkaffee, an jeder Ecke. Damals war das noch nicht so und so habe ich ihn gebeten, diesen Kaffee mitzubringen. Als er zurück war, haben wir ein bisschen geplaudert über die Weltmeisterschaften, dann fragte er: „Wie geht’s dir denn, gesundheitlich alles okay?“ Ich hatte ein bisschen Schulterprobleme. Daraufhin meinte er, das könnte man unter Wasserbehandlung machen. Das ist nicht so meins, das wollte ich nicht. Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie ich dann plötzlich in dieser Sitzbadewanne wach wurde. Er saß nackt hinter mir. Es war eine komische Situation, in der ich da zu mir kam und von der ich bis heute nicht weiß, wie ich dahin gekommen bin.

Wie ging es danach weiter?

Marina Kielmann: Ich habe viel später mal eine ehemalige Trainingskollegin, mit der ich bis heute noch befreundet bin, getroffen. Da ging es auch um alte Zeiten. Sie fragte irgendwann: „Lebt der eigentlich noch?“ Ich sagte: „Nein, Gott sei Dank nicht mehr.“ Dann sagte sie: „Das ist auch wirklich gut so.“ Ich fragte, warum. Sie antwortete: „Es war doch schon als Kind komisch. Damals haben wir uns nichts dabei gedacht. Wenn man einen verknacksten Fuß hatte, musste man das T-Shirt ausziehen. Und der eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun.“ Da wurde mir dann irgendwie ganz anders.

Wir haben auch über die Situation mit der Badewanne gesprochen. Sie fragte mich: „Hast du was zu trinken angeboten bekommen?“ Ich sagte: „Ich war doch nicht besoffen.“ Dann sagte sie: „Nein, hast du irgendwas getrunken?“ „Mhm“, sagte ich, „ja, Wasser, natürlich, klar.“ Sie fragte: „Hast du mal über K.-o.-Tropfen nachgedacht?“ Das war für mich nie ein Thema. Und dann kam mir das erste Mal dieser Gedanke. Ich habe damals auch keine Anzeige erstattet. Ich bin ja selber freiwillig dahin gegangen. Man gibt sich ja auch irgendwie eine Mitschuld, die ich definitiv nicht habe und die auch kein anderer hat.

„Jeder Kaffee hat mich daran erinnert und es hat meinen ganzen Körper geschüttelt“

Sie haben das einfach als komische Situation abgetan und versucht, das zu vergessen?

Marina Kielmann: Genau, das ist mir auch lange gelungen. Was aber lange nicht geklappt hat, war Kaffee trinken. Jeder Kaffee hat mich daran erinnert und es hat meinen ganzen Körper geschüttelt. Aber das Verdrängen hat sehr gut geklappt, bis ich eben diese Trainingskollegin wieder getroffen habe und das Gespräch darauf kam. Ich habe dieses Kapitel reingenommen, weil ich wachrütteln wollte, dass man ein bisschen auf sich Acht gibt, auf das, was man tut. Es soll keine Anklage sein, es soll nur wachrütteln. Vielleicht hätte ich mich damals testen lassen sollen, aber mir kam damals, wie gesagt, überhaupt nicht dieser Gedanke an K.-o.-Tropfen.

Hatten Sie das vor dem Gespräch mit Ihrer Freundin schon mal irgendjemandem erzählt?

Marina Kielmann: Nein, ich habe das niemandem erzählt, weil ich mich dafür geschämt habe. Wir haben aber mal in einer Mädelsrunde zusammengesessen, damals ging das Thema sexuelle Belästigung und Gewalt gerade durch die Medien. Und dann hieß es: Hat da schon mal jemand Erfahrung gemacht, mit unangenehmen Begegnungen? Jede guckte nach unten und keine wollte irgendwas erzählen, aber jede sagte schließlich: „Ja, da war mal was.“ Das fanden wir erschreckend, das war eine Quote von 100 Prozent. Jeder hat doch mal irgendwas erlebt. Wir haben als Kinder auch mal einen Exhibitionisten neben der Eishalle gesehen. Da waren wir sieben. Vergleichsweise eine Kleinigkeit, aber da fängt es ja im Grunde an. Man traut sich nicht, das zu erzählen. Und das ist das Schlimme. Den Kindern und Jugendlichen wird klargemacht, das ist ein Geheimnis und das darfst du keinem sagen. Nein, man muss über Dinge sprechen, bei denen man sich auch in dem Moment nicht wohlfühlt.

Haben Sie auch aus Ihrer Erfahrung als Trainerin noch einen Rat für junge Sportlerinnen oder auch Sportler, wie sie vielleicht mit solchen Situationen umgehen können, an wen sie sich wenden können?

Marina Kielmann: Man sollte sich auf jeden Fall einen vertrauten Gesprächspartner suchen, egal ob man sich einem Trainer anvertraut oder einem Elternteil. Es gibt mittlerweile „Safe Sport“-Beauftragte, die sich völlig neutral, auch zunächst anonym darum kümmern, die dann übergeordnete Institutionen empfehlen können, mit denen man sprechen kann. Geheimnisse nutzen keinem was. Schweigen schützt immer nur die Täter. Sobald da irgendwas ist, was man nicht erzählen möchte, nagt das an der Seele. Heute weiß man, die Psyche ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Gesundheit.

Haben sie denn das Gefühl, dass die Strukturen im Sport allgemein oder speziell im Eiskunstlauf gegeben sind, dass Kinder oder auch erwachsene Sportlerinnen und Sportler, die von sowas betroffen sind, Hilfe bekommen an den richtigen Stellen?

Marina Kielmann: Es gibt auf jeden Fall die Möglichkeit, sich Hilfe zu suchen. Es gibt natürlich immer noch sensible Bereiche, gerade was auch das Training angeht. Wir haben eine Sportart – genauso wie Turnen, rhythmische Sportgymnastik, auch viele Leichtathletik-Disziplinen oder Beachvolleyball – da trägt man körperbetonte Kleidung. Da spielt auch das Gewicht eine Rolle. Das sind alles so Themen in einer sensiblen Phase der menschlichen Entwicklung, gerade bei Mädchen in der Pubertät. Das Gewicht anzusprechen, kann ja auch etwas auslösen. Da gibt es mittlerweile Möglichkeiten, dass man sich Hilfe holen kann. Man muss es aber eben auch zulassen. Und wenn man im Namen des Erfolgs alles einfach nur hinnimmt, das kann nicht gesund sein. Da sind wir Trainer mittlerweile sehr darauf sensibilisiert, dass wir da aufpassen müssen. Aber es gibt immer noch Trainer, die laufen mit der Waage unter dem Arm rum: So, heute ist Wiege-Tag. Und da gibt es Kinder, die essen dann Tage vorher nicht. Sie trinken nichts, damit das Gewicht runterkommt. Bei Judoka ist das völlig normal. Die haben da ihr Kampfgewicht, die wissen, wie das geht, die kriegen das auch beigebracht. Aber im Eiskunstlaufen hat der Trainer nicht unbedingt den Einfluss und die Zeit, um sich um die Ernährung seines Sportlers zu kümmern. Und da Gespräche zu führen, das in einem gesunden Maß zu machen, ist auch noch eine ganz wichtige Aufgabe.

Zurück zu Ihrer Karriere als Sportlerin. Damals war das Eiskunstlaufen noch deutlich präsenter in den Medien und im Fernsehen. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es trotz einiger Erfolge, wie zuletzt WM-Silber im Paarlaufen, mittlerweile im Fernsehen nur noch eine Nische einnimmt?

Marina Kielmann: Es kann daran liegen, dass die Sportler nicht mehr so lange in der Spitze sind. Wenn sich der Deutsche jedes Jahr einen anderen Namen merken muss, ist er überfordert. Man kann nicht mehr diese Beziehung zu einem Sportler aufbauen. Ich habe jetzt noch Menschen, die mein Buch bestellen, die haben meine Karriere damals wirklich verfolgt und waren bei jedem Wettbewerb anwesend und haben immer Fanpost geschickt. Das gibt es ja heute alles nicht mehr. Heute folgt man auf Social Media. Es liegt natürlich an den TV-Rechten. Wie viel Biathlon sieht man im Fernsehen? Jedes Wochenende läuft das nachmittags in der ARD oder im ZDF. Die haben ein ganz anderes Marketing. Aber gut, die haben auch andere Erfolge. Im Paarlaufen sind die Erfolge da, aber im Einzellaufen sind wir weit von der Spitze entfernt.

Ja, das stimmt.

Marina Kielmann: Hinzu kommen die Diskussionen um Klimaneutralität. Eine Eissporthalle ist nicht unbedingt in jedermanns Augen ein Energiesparbetrieb. Wir brauchen aber nun mal die Energie zum Kühlen. Es gibt Ersatzversuche mit Synthetikplatten, die man zum Schlittschuhlaufen nehmen kann. Das ist aber weder im olympischen Sport erlaubt, noch ist es eine vernünftige Alternative. Zumindest noch nicht.

Bei der WM in Boston war die Halle zuletzt voll.

Marina Kielmann: Nordamerika ist einfach ein gutes Pflaster für Weltmeisterschaften. Dort herrscht eine ganz andere Atmosphäre, eine ganz andere Mentalität. Deshalb ist es auch so schwer Weltmeisterschaften nach Deutschland zu holen. Ob wir die Halle voll kriegen? Ja, natürlich kriegen wir die voll. Weil die Nordamerikaner, die Asiaten, die kommen hier hin. Wenn die hier rüberfliegen, machen die gleich noch einen Kurztritt durch Europa. Und was das für den Tourismus ausmacht, das kommt in keiner Statistik vor.

Wie leben Sie heute? Sind Sie verheiratet?

Marina Kielmann: Ich war verheiratet, das hat nicht funktioniert, weil unsere Leben vorher zu unterschiedlich waren. Heute bin ich liiert, aber eben nicht verheiratet. Und den richtigen Zeitpunkt für Kinder habe ich auch verpasst. Aber ich muss ganz ehrlich sagen, ich könnte mein Leben nicht so leben, wie ich es jetzt tue, wenn ich Kinder hätte. Und insofern hat es auch was Gutes. Meine Schüler fragen auch: „Haben Sie keine eigenen Kinder?“ Ich sage: „Nein, ich mache das besser, ich leihe mir welche.“

Warum sollten Menschen Ihr Buch lesen?

Marina Kielmann: Es steckt eine Menge Herzblut drin und es ist vielleicht auch eine Inspiration. Viele haben Probleme, die sie wälzen und kommen aus dieser Negativ-Spirale gar nicht raus. Je nachdem, mit was für Menschen man sich umgibt, wird es nicht besser, sondern schlechter. Ich kann es nur jedem empfehlen, so seine Gedanken einfach mal kreisen zu lassen, vielleicht auch aufzuschreiben, was läuft gerade gut, was läuft gerade nicht so gut, wo kann ich was optimieren, muss ich überhaupt irgendwas verändern? Oder sich auch selber einfach nur aufschreiben, wie zufrieden man ist mit dem, was man erreicht hat. Das ist, glaube ich, etwas, was Sportler ganz oft vergessen, dass bei all dem ganzen Training, bei all den Enttäuschungen, da auch eine Menge an Mehrwert ist. Und das kann ich jedem nur empfehlen, das mal zu machen. Mir hat es gutgetan. Ich weiß auch, dass es da noch eine Menge an Geschichten gibt, die vielleicht noch erzählt werden möchten. Aber das ist jetzt erst mal eine Kurzbiografie, die zeigt, wer ich eigentlich bin.